Ich habe in meinem Berufsleben sehr unterschiedliche Chefs erlebt.
Da waren Menschen, die mir etwas zugetraut haben. Die nicht nur gesehen haben, welche Funktion ich gerade hatte, sondern auch, was vielleicht noch in mir steckte. Sie haben mir Verantwortung gegeben, mich gefordert, manchmal sicher auch überfordert – und mich gerade dadurch gefördert.
Und ich habe das Gegenteil erlebt.
Führungskräfte, für die vor allem wichtig war, dass ich die Aufgabe erfüllte, für die ich eingestellt worden war. Die Funktion war interessant. Der Mensch dahinter deutlich weniger.
Wenn ich heute zurückblicke, haben mich beide Erfahrungen geprägt.
Die einen haben mir gezeigt, wie Führung wirken kann.
Die anderen haben mir gezeigt, wie ich selbst nicht führen möchte.
Vielleicht beschäftigt mich deshalb bis heute eine Frage besonders:
Was passiert eigentlich mit Menschen, wenn sie spüren, dass man ihnen nicht nur wegen ihrer Arbeitskraft begegnet, sondern weil man sie als Persönlichkeit ernst nimmt?
Meine Erfahrung ist ziemlich eindeutig: Es verändert etwas.
Wer Vertrauen erfährt, ist eher bereit, selbst Vertrauen zu schenken. Wem etwas zugetraut wird, der übernimmt eher Verantwortung. Und wer erlebt, dass ein Unternehmen oder eine Führungskraft auch dann zu ihm steht, wenn es einmal schwierig wird, entwickelt etwas, das sich in keiner Stellenbeschreibung anordnen lässt:
Loyalität.
Ein sperriges Wort für einen einfachen Gedanken
Genau an diesem Punkt begegnet mir ein Gedanke wieder, mit dem ich mich seit vielen Jahren beschäftige: die Personalität.
Ein etwas sperriges Wort aus der Christlichen Soziallehre für einen eigentlich sehr einfachen und zugleich weitreichenden Gedanken:
Jeder Mensch ist einzigartig. Und deshalb besitzt er einen Wert, der sich nicht aus seiner Leistung ableitet.
Joseph Kardinal Höffner, einer der großen Lehrer der Christlichen Soziallehre, hat dafür ein wunderbares Bild gefunden. Der Mensch werde „als Original geboren, auch wenn er oft als Kopie endet“. Genau diese Einzigartigkeit steht am Anfang des Personalitätsprinzips.
Als ich 2018 mein Buch Soziallehre 4.0 geschrieben habe, war mir wichtig, diese und andere Prinzipien nicht als abstraktes Gedankengebäude zu betrachten. Soziallehre muss sich an den Fragen ihrer jeweiligen Zeit bewähren. Sonst besteht die Gefahr, dass aus zeitlosen Prinzipien eine gegenwartsferne Theorie wird.

Also stellt sich die Frage: Was bedeutet Personalität heute für Führung?
Wenn aus einem Instrument ein Menschenbild wird
Natürlich müssen Unternehmen rechnen.
Sie brauchen Stellenpläne, Kennzahlen und klare Verantwortlichkeiten. In einer Excel-Tabelle lassen sich Menschen wunderbar untereinander schreiben. Im Organigramm bekommt jeder sein Kästchen. Und in der Personalplanung wird aus dem Menschen eine Stelle, ein Stellenanteil oder eben eine „Ressource“.
Das alles ist notwendig.
Problematisch wird es erst, wenn aus einem Instrument zur Organisation ein Menschenbild wird.
Sehen wir hinter Zahlen, Stellen und Funktionen noch den Menschen?
Wer den Menschen als Persönlichkeit begreift, kann ihn nicht ausschließlich nach seiner Produktivität oder seinem Nutzen für eine Organisation beurteilen.
Und das ist keineswegs ein Plädoyer dafür, Leistung geringzuschätzen.
Unternehmen brauchen Menschen, die etwas leisten. Führungskräfte dürfen Erwartungen formulieren. Sie müssen Ziele setzen und Ergebnisse einfordern.
Aber es macht einen Unterschied, ob ich sage: Dieser Mensch hat Fähigkeiten, die unser Unternehmen braucht.
Oder ob ich irgendwann beginne zu denken: Dieser Mensch ist eine Ressource, über die unser Unternehmen verfügt.
Für mich verläuft genau dort eine wichtige Leitplanke.
Freiheit braucht Verantwortung
Personalität bedeutet nämlich keineswegs, dass jeder machen kann, was er will.
Im Gegenteil.
Der Mensch besitzt die Freiheit, Entscheidungen zu treffen. Richtige ebenso wie falsche. Aus dieser Freiheit folgt aber die Verpflichtung, für das eigene Handeln einzustehen. Freiheit und Verantwortung gehören im Verständnis der Personalität untrennbar zusammen.
Auch das hat ganz praktische Konsequenzen für Führung.
Wer Menschen ernst nimmt, muss ihnen etwas zutrauen.
Wer ihnen etwas zutraut, muss ihnen Freiräume geben.
Und wer Freiräume gibt, darf auch Verantwortung erwarten.
Gute Führung bedeutet deshalb für mich weder permanente Kontrolle noch grenzenloses Laufenlassen. Sie schafft einen Rahmen, in dem Menschen selbstständig handeln können – und für ihr Handeln Verantwortung übernehmen.
Hier berührt die Personalität bereits eine weitere Leitplanke der Soziallehre: die Subsidiarität.
Darüber möchte ich im nächsten Beitrag schreiben.
Und plötzlich ist da die Künstliche Intelligenz
Als ich Soziallehre 4.0 geschrieben habe, beschäftigte mich bereits die Frage, was mit der Rolle des Menschen geschieht, wenn Maschinen immer mehr Aufgaben übernehmen, die bis dahin von Menschen erledigt wurden.
Acht Jahre später hat diese Frage eine völlig neue Dimension bekommen.
Künstliche Intelligenz schreibt Texte, analysiert Daten, erstellt Bilder, bereitet Entscheidungen vor und übernimmt Aufgaben, für die wir noch vor wenigen Jahren selbstverständlich einen Menschen gebraucht hätten.
Ich finde diese Entwicklung zunächst einmal faszinierend. Fortschritt aufzuhalten war noch nie eine besonders erfolgreiche Strategie.
Aber gerade deshalb sollten wir eine andere Frage umso intensiver stellen:
Was macht den Menschen eigentlich unverwechselbar, wenn Maschinen immer mehr von dem können, was bislang Menschen vorbehalten war?
Eine Antwort darauf habe ich schon damals gegeben: Der Mensch darf niemals hinter der Maschine zurücktreten. Emotionalität und Empathie gehören zu seiner Einzigartigkeit.
Heute würde ich einen weiteren Begriff hinzufügen:
Loyalität.
Menschlichkeit rechnet sich – nur anders
Wer den Menschen in den Mittelpunkt unternehmerischen Handelns stellt, handelt deshalb nicht weniger unternehmerisch.
Im Gegenteil.
Ein Mitarbeiter, der erlebt, dass er als Mensch gesehen wird, dass man ihm zuhört, ihm etwas zutraut und ihn auch in schwierigen Situationen nicht auf seine Funktion reduziert, kann etwas entwickeln, das sich weder programmieren noch anordnen lässt.
Er kann sich mit einem Unternehmen identifizieren.
Er kann Verantwortung übernehmen.
Er kann für Kollegen einstehen.
Er kann bereit sein, die berühmte Extrameile zu gehen.
Und er kann einem Unternehmen auch in schwierigen Zeiten die Treue halten – gerade weil er selbst erfahren hat, dass dieses Unternehmen ihm gegenüber loyal gewesen ist.
Eine Maschine kann effizienter sein.
Künstliche Intelligenz kann manches schneller und vielleicht sogar besser erledigen.
Aber eine Maschine wird einem Unternehmen niemals loyal sein. Sie wird ihm nicht vertrauen. Und sie wird auch kein Vertrauen zurückgeben.
Deshalb halte ich es nicht nur aus sozialethischer, sondern auch aus unternehmerischer Sicht für einen Fehler, den Menschen vor allem als Kostenfaktor oder austauschbare Ressource zu betrachten.
Der Mensch gehört nicht an den Rand der unternehmerischen Kalkulation. Er gehört in ihre Mitte.
Nicht aus Sozialromantik.
Sondern weil Unternehmen auf Dauer von Menschen leben, die bereit sind, Verantwortung für sie zu übernehmen.
Der Mensch ist einzigartig – aber nicht allein
Dabei darf Personalität nicht mit Individualismus verwechselt werden.
Auch dieser Gedanke ist mir wichtig.
Der Mensch ist einzigartig. Aber er lebt nicht allein.
In Soziallehre 4.0 habe ich diese Spannung beschrieben: Fehlt der Blick auf die Gemeinschaft, besteht die Gefahr des Egoismus. Fehlt dagegen der Blick auf das Individuum, wird der einzelne Mensch bedeutungslos. Daraus entsteht Verantwortung: Wir sind in einer Gemeinschaft nicht nur Nehmende, sondern immer auch Gebende.
Für ein Unternehmen gilt nichts anderes.
Es braucht Persönlichkeiten.
Aber es braucht Persönlichkeiten, die bereit sind, ihre Fähigkeiten in eine Gemeinschaft einzubringen.
Gute Führung muss deshalb beides ermöglichen:
Raum für den Einzelnen und Verantwortung für das Ganze.
Vielleicht ist genau das eine der anspruchsvollsten Führungsaufgaben überhaupt.
Menschen sehen
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger theoretisch erscheint mir deshalb das etwas sperrige Wort Personalität.
Für Führung lässt es sich auf drei sehr einfache Gedanken herunterbrechen:
Menschen sehen. Nicht nur ihre Stellen, Funktionen und Leistungen.
Menschen etwas zutrauen. Nicht jede Entscheidung selbst treffen und nicht jede Verantwortung nach oben ziehen.
Menschen ernst nehmen. Auch dann, wenn sie widersprechen, Fehler machen oder einen anderen Blick auf eine Sache haben.
Das ist nicht immer bequem.
Aber vielleicht zeigt sich gerade darin der Unterschied zwischen Personalverwaltung und Menschenführung.
Leitplanke der Woche
Wer Menschen nur als Ressource betrachtet, bekommt vielleicht ihre Arbeitskraft. Wer sie als Menschen ernst nimmt, kann ihre Loyalität gewinnen.
Und deshalb bleibt für mich am Ende eine Frage:
Wenn Sie morgen Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Ihren Kollegen oder Mitstreitern begegnen: Sehen Sie zuerst ihre Funktion – oder den Menschen dahinter?

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