Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten einer Demokratie, dass jeder wählen kann, wen er will. Niemand muss seine Entscheidung rechtfertigen. Niemand muss so wählen, wie es Politiker, Journalisten, Freunde oder Familienmitglieder für vernünftig halten. Das Wahlgeheimnis schützt nicht nur den Stimmzettel, sondern letztlich auch diese persönliche Freiheit.
Aber Freiheit und Verantwortung gehören für mich zusammen. Das ist ein Gedanke, der weit über die Politik hinausgeht und tief in der Christlichen Soziallehre verankert ist. Personalität bedeutet eben nicht nur, den Menschen in seiner Freiheit ernst zu nehmen. Sie bedeutet auch, ihm zuzutrauen und zuzumuten, Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen.
Deshalb beschäftigt mich eine Frage zunehmend: Wissen wir eigentlich noch, was wir wählen?
Das klingt zunächst provokant. Vielleicht ist es das auch. Mir geht es aber nicht darum, Menschen vorzuschreiben, wo sie ihr Kreuz machen sollen. Mich interessiert etwas anderes: Wie intensiv beschäftigen wir uns eigentlich noch mit den konkreten politischen Konsequenzen unserer Wahlentscheidung?
Das lässt sich derzeit besonders gut an der AfD beobachten. Über sie wird viel gesprochen. Über Protest, Unzufriedenheit, Migration, Abgrenzung und Brandmauern. Sehr viel weniger wird darüber gesprochen, was einzelne politische Forderungen dieser Partei tatsächlich bedeuten würden, wenn sie umgesetzt würden.
Nehmen wir Europa.
Wer über einen deutschen Austritt aus der Europäischen Union nachdenkt oder ihn unterstützt, sollte wissen, worüber er entscheidet. Denn ein DExit wäre nicht einfach die Rückkehr in eine Zeit, in der Deutschland etwas weniger Brüssel hatte.
Mit der europäischen Integration sind längst Strukturen entstanden, die unseren Alltag und unsere Wirtschaft prägen. Zwei davon sind besonders augenfällig: der Euro und Schengen.
Ein Austritt aus den europäischen Strukturen würde deshalb Fragen aufwerfen, die weit über ein politisches Schlagwort hinausgehen. Was bedeutet die Rückkehr zu einer nationalen Währung für Unternehmen, Preise, Ersparnisse und Verträge? Was bedeutet es für einen Exportstandort wie Deutschland, wenn der europäische Binnenmarkt nicht mehr selbstverständlich ist? Was bedeuten wieder stärker kontrollierte Grenzen für Arbeitnehmer, Unternehmen und Familien, die längst selbstverständlich über Grenzen hinweg leben und arbeiten?
Man kann all diese Fragen beantworten und anschließend trotzdem zu dem Ergebnis kommen, dass man einen anderen europäischen Weg für richtig hält. Demokratie lebt gerade davon, dass Menschen unterschiedliche Antworten geben.
Aber man sollte die Fragen kennen.
Ähnliches gilt für andere Politikfelder. Wer eine Partei wegen ihrer Haltung zur Migration wählt, entscheidet eben nicht nur über Migration. Er entscheidet gleichzeitig über ihre Vorstellungen von Europa, Wirtschaft, Sozialpolitik, Außenpolitik, Bildung und vielen anderen Bereichen. Ein Stimmzettel kennt keine Möglichkeit anzukreuzen: „Bei diesem Punkt bin ich dafür, den Rest möchte ich nicht.“
Das ist übrigens kein Problem, das nur die AfD betrifft. Es gilt für jede Partei. Wer Grün wählt, wählt nicht ausschließlich Klimaschutz. Wer Union wählt, entscheidet nicht nur über Wirtschaftspolitik oder Migration. Wer SPD oder Linke wählt, bekommt ebenfalls das gesamte politische Angebot und nicht nur die Forderung, die ihm persönlich besonders gut gefällt.
Vielleicht haben wir uns trotzdem daran gewöhnt, Wahlentscheidungen zunehmend an einzelnen Themen, Personen oder sogar einzelnen Sätzen festzumachen. Die Logik sozialer Medien verstärkt das. Ein kurzer Ausschnitt, ein empörender Satz, ein Video von wenigen Sekunden kann stärker wirken als ein Wahlprogramm mit hundert Seiten.
Natürlich liest kaum jemand Wahlprogramme vollständig. Das war früher auch nicht anders. Aber zwischen hundert Seiten Parteiprogramm und einem 20-Sekunden-Clip liegt ein ziemlich großer Raum, in dem demokratische Meinungsbildung stattfinden kann.
Und genau dort beginnt für mich Verantwortung.
Die Christliche Soziallehre betrachtet den Menschen nicht als Objekt, das gelenkt werden muss. Sie traut ihm Urteilskraft zu. Der Mensch ist Person, ausgestattet mit Freiheit und Verantwortung. Diese Vorstellung gefällt mir gerade mit Blick auf unsere Demokratie sehr viel besser als die inzwischen verbreitete Annahme, bestimmte Wähler müssten erzogen, moralisch belehrt oder vor ihrer eigenen Entscheidung bewahrt werden.
Wer Menschen politisch ernst nimmt, muss ihnen auch Entscheidungen zutrauen, die man selbst für falsch hält.
Aber zum Ernstnehmen gehört ebenso, über die Folgen dieser Entscheidungen zu sprechen.
Vielleicht müsste politische Auseinandersetzung deshalb wieder häufiger genau dort ansetzen. Weniger bei der Frage: Wie können Menschen nur diese Partei wählen? Und häufiger bei der Frage: Wissen sie, was sie damit wählen?
Das wäre keine moralische Belehrung. Im Gegenteil. Es wäre Ausdruck von Respekt vor dem mündigen Bürger.
Denn Demokratie braucht keine Wähler, die immer meiner Meinung sind.
Sie braucht Menschen, die wissen, worüber sie entscheiden.
Und die bereit sind, für diese Entscheidung Verantwortung zu übernehmen.

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