Als ich für mein Buch „Leuchtturm oder Kerzenstummel?“ die Geschichte der katholischen Verbände intensiver betrachtet habe, bin ich auf diese Wegmarke gestoßen. Sie hat mich schon damals beeindruckt, weil sie beispielhaft zeigt, was Traditionspflege eigentlich bedeuten kann.
Noch in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren waren Frauen bei Veranstaltungen des Kolpingwerkes vor allem für das leibliche Wohl der Herren, für Organisationsaufgaben und Spüldienste gefragt. Das entspricht nicht mehr ganz unserem heutigen Bild von partnerschaftlicher Zusammenarbeit. Aber Geschichte sollte man nicht nachträglich schönschreiben. Man sollte aus ihr lernen.
Die Entscheidung von 1966 war im Verband durchaus umstritten. Der Würzburger Diözesanpräses Max Rössler brachte die Abwägung damals in einem Satz auf den Punkt, der für mich bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat:
„Von unserer Tradition spricht wenig dafür, von der Gegenwart her spricht einiges dafür, auf Zukunft hin gesehen spricht alles dafür.“
Man kann über diesen Satz länger nachdenken.
Denn er stellt eine Frage, die nicht nur Kolping betrifft. Sie stellt sich Kirchen, Verbänden, Parteien, Unternehmen und letztlich allen Institutionen, die auf eine längere Geschichte zurückblicken können: Was bedeutet es eigentlich, einer Tradition treu zu bleiben?
Besteht Treue darin, Formen und Strukturen möglichst unverändert zu bewahren? Oder besteht sie darin, den ursprünglichen Auftrag unter veränderten Bedingungen immer wieder neu zu übersetzen?
Adolph Kolping selbst hätte wahrscheinlich wenig Verständnis für einen Traditionsbegriff gehabt, der vor allem bewahren will. Er beobachtete die gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit sehr genau. Die Not junger Handwerksgesellen war für ihn keine theoretische sozialpolitische Fragestellung. Sie war der Ausgangspunkt seines Handelns.
Kolping reagierte auf Veränderung mit Veränderung.
Genau deshalb halte ich die Aufnahme von Frauen im Jahr 1966 nicht für einen Bruch mit der Tradition des Verbandes. Im Gegenteil. Sie war ein Beispiel dafür, wie eine lebendige Tradition funktioniert.
Aus dem katholischen Gesellenverein entwickelte sich über Jahrzehnte eine Gemeinschaft von Frauen und Männern, Jungen und Alten, Familien und Generationen. Der Verband veränderte seine äußere Gestalt und blieb gerade dadurch seinem eigentlichen Anliegen treu: Menschen zu befähigen, Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen.
Vielleicht lohnt es sich, sechzig Jahre später weniger darüber zu sprechen, wie mutig diese Entscheidung damals gewesen ist. Interessanter ist die Frage, was wir heute daraus lernen.
Viele traditionsreiche Institutionen befinden sich derzeit in einer merkwürdigen Lage. Sie wissen sehr genau, woher sie kommen. Aber sie sind sich nicht immer ebenso sicher, wohin sie wollen.
Dann entsteht schnell die Versuchung, Tradition mit dem Festhalten am Gewohnten zu verwechseln. Man verteidigt Strukturen, Rituale und Organisationsformen, weil sie vertraut sind. Und wundert sich irgendwann darüber, dass die Menschen zwar noch Respekt vor der Geschichte haben, aber keinen Grund mehr sehen, Teil ihrer Zukunft zu werden.
Der Satz von Max Rössler könnte deshalb auch heute über mancher Strategieklausur stehen:
Von der Tradition her spricht vielleicht wenig dafür. Von der Gegenwart her einiges. Auf Zukunft hin gesehen möglicherweise alles.
Tradition braucht Erinnerung. Aber sie braucht ebenso den Mut zur Veränderung.
Meine Leitplanke der Woche:
Wer Tradition bewahren will, muss bereit sein, sie zu verändern.

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