Ich bin in Buer geboren. Manuel Neuer auch. Und wir sind beide mit Schalke groß geworden. Neuer selbst hat einmal mit einem Augenzwinkern Wert auf die Feststellung gelegt, er komme nicht aus Gelsenkirchen, sondern aus Buer, dem „Monaco von Gelsenkirchen“. Als Bueraner weiß ich ziemlich genau, was er damit meint.
Vielleicht kann ich deshalb auch ganz gut nachvollziehen, warum sein Wechsel zum FC Bayern für viele Schalker damals mehr war als der normale Wechsel eines Fußballprofis zu einem anderen Verein. Manuel Neuer spielte seit seiner Kindheit für Schalke, stand selbst in der Kurve und wurde schließlich im Schalker Tor zu einem der besten Torhüter Deutschlands. Er war einer von uns. Und dann ging er 2011 ausgerechnet zu den Bayern. Dass das wehgetan hat, dass viele enttäuscht und auch wütend waren, kann ich verstehen. Fußball lebt schließlich auch von einer emotionalen Bindung an einen Verein, die sich einem Menschen, der mit Fußball wenig anfangen kann, wahrscheinlich nur schwer erklären lässt.
Inzwischen sind 15 Jahre vergangen. Manuel Neuer ist 40 Jahre alt und kam jetzt möglicherweise zum letzten Mal als aktiver Fußballer zurück auf Schalke. Dass er dort nicht mit stehenden Ovationen empfangen würde, dürfte niemanden überrascht haben. Man kann ihn auspfeifen. Man kann ihm deutlich machen, dass man seinen damaligen Wechsel noch immer nicht vergessen hat. Und wenn die Kurve „Wir sind Schalker und du nicht“ singt, dann gehört auch das für mich zur Emotionalität des Fußballs.
Aber bei einer anderen Schmähung bleibe ich hängen. Manuel Neuer wurde wieder einmal als „Hurensohn“ bezeichnet. Und da frage ich mich ganz schlicht: Was hat eigentlich seine Mutter damit zu tun?
Natürlich weiß ich, dass dieser Begriff in Fußballstadien längst zu einer ebenso primitiven wie verbreiteten Beleidigung geworden ist und diejenigen, die ihn rufen, vermutlich überhaupt nicht über die Mutter desjenigen nachdenken, den sie treffen wollen. Aber macht es das wirklich besser? Sprache bedeutet etwas. Und wenn wir bestimmte Beleidigungen nur häufig genug hören und selbst benutzen, gewöhnen wir uns irgendwann daran. Aus einer Grenzüberschreitung wird dann vermeintlich normale Fankultur.
Mir geht es dabei ausdrücklich nicht darum, den moralischen Zeigefinger gegenüber der Schalker Kurve zu erheben. Aber es gibt für mich Grenzen, die auch im Fußball gelten. Vielleicht ist das sogar ein ziemlich gutes Beispiel dafür, was ich mit meinen „Leitplanken“ meine. Sie sollen nicht verhindern, dass wir emotional sind, streiten, unterschiedlicher Meinung sind oder jemanden auch einmal richtig schlecht finden. Sie markieren aber einen Rahmen, innerhalb dessen wir miteinander umgehen.
Eine dieser Leitplanken ist für mich die Menschenwürde. In der Christlichen Soziallehre begegnet sie uns im Prinzip der Personalität: Der Mensch besitzt seinen Wert nicht deshalb, weil er etwas Besonderes leistet, weil wir ihn sympathisch finden oder weil er die Entscheidungen trifft, die wir für richtig halten. Er besitzt diesen Wert als Mensch. Und wenn wir diesen Gedanken ernst nehmen, kann er nicht an der Stadiontür enden.
Vielleicht zeigt sich unser Verständnis von Menschenwürde sogar weniger im Umgang mit denjenigen, die wir mögen, als mit denen, über die wir uns ärgern. Manuel Neuer hat Schalke verlassen. Darüber darf man als Schalker bis heute enttäuscht sein. Man sollte nach 15 Jahren aber auch anerkennen können, was aus dem Jungen aus Buer geworden ist. Weltmeister, zweimaliger Champions-League-Sieger, vielfacher Deutscher Meister und mehrfach Welttorhüter. Vor allem aber ein Torwart, der das Spiel auf seiner Position verändert und eine außergewöhnliche Weltkarriere gemacht hat. Dass dieser Mann auf Schalke ausgebildet wurde, gehört ebenfalls zur Geschichte unseres Vereins.
Man kann darauf sogar ein wenig stolz sein und seinen Wechsel zu Bayern trotzdem noch immer falsch finden. Ich sehe darin keinen Widerspruch. Was mir zunehmend Schwierigkeiten macht, im Fußball ebenso wie in anderen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, ist etwas anderes: dass aus der Ablehnung einer Entscheidung so schnell die Herabwürdigung des Menschen wird. Wir erleben das längst nicht nur auf den Tribünen. Auch in politischen Debatten scheint manchmal die Vorstellung verloren zu gehen, dass ich jemanden hart kritisieren und seine Position für grundfalsch halten kann, ohne ihm deshalb den Respekt zu verweigern.
Deshalb möchte ich den Schalkern auch gar nicht vorschreiben, wie sie Manuel Neuer bei einer möglichen letzten Rückkehr in unsere Arena hätten empfangen sollen. Pfeift ihn aus, wenn Ihr das für richtig haltet. Zeigt ihm, dass Ihr seinen Wechsel nicht vergessen habt. Fußball muss nicht höflich und schon gar nicht emotionslos sein.
Aber lasst seine Mutter in Ruhe.
Denn die Menschenwürde endet nicht in der Fankurve.
Leitplanke der Woche
Menschenwürde gilt nicht nur für diejenigen, die wir mögen. Gerade im Umgang mit denen, die wir ablehnen, zeigt sich, was sie uns wirklich wert ist.

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