Haltung zeigt sich, wenn Widerspruch unbequem wird

In einem Podcastbeitrag von chrismon bin ich auf ein Zitat des Psychologen Ahmad Mansour gestoßen, das mich beschäftigt hat. Er sagt, Demokratie lebe von Zivilcourage und Haltung. Zugleich ärgere ihn, dass so viele Menschen in Deutschland nicht mehr den Mut hätten, das zu sagen.

Ich kann diesen Ärger nachvollziehen. Allerdings frage ich mich, ob das Problem tatsächlich darin liegt, dass Menschen keine Haltung mehr haben. An Meinungen mangelt es unserer Gesellschaft jedenfalls nicht. In den sozialen Medien, in Talkshows und in politischen Diskussionen wird ziemlich deutlich gesagt, was man von anderen hält. Manchmal sogar deutlicher, als es dem gesellschaftlichen Miteinander guttut.

Vielleicht liegt das eigentliche Problem deshalb an einer anderen Stelle. Es ist vergleichsweise einfach, eine Überzeugung zu vertreten, solange man sich unter Menschen befindet, die genauso denken. Schwieriger wird es, wenn man mit Widerspruch rechnen muss, wenn die eigene Position im Freundeskreis nicht gut ankommt oder wenn man sich gegen eine Äußerung stellt, die alle anderen am Tisch offenbar ganz selbstverständlich hinnehmen.

Ich glaube, dass wir gerade diese Situationen stärker in den Blick nehmen sollten.

Wer sich mit der Christlichen Soziallehre beschäftigt, stößt ziemlich schnell auf die Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft. Wir leben nicht nur für uns selbst. Wir sind Teil einer Gesellschaft, deren Zusammenleben davon abhängt, dass Menschen Verantwortung übernehmen. Dazu gehört selbstverständlich auch, die eigene Meinung zu vertreten. Aber eben nicht nur dann, wenn wir dafür Beifall erwarten können.

Das bedeutet für mich allerdings nicht, dass jeder Mensch bei jeder Gelegenheit laut werden muss. Zivilcourage ist auch keine Aufforderung, sich selbst für den alleinigen Besitzer der Wahrheit zu halten. Gerade wer eine klare Haltung hat, sollte damit leben können, dass andere Menschen zu anderen Ergebnissen kommen. Eine Demokratie braucht schließlich nicht Menschen, die alle dasselbe denken. Sie braucht Menschen, die unterschiedliche Überzeugungen vertreten können und trotzdem bereit sind, miteinander zu leben.

Es gibt aber Situationen, in denen Schweigen mehr ist als bloße Zurückhaltung. Wenn jemand aufgrund seiner Herkunft herabgewürdigt wird, wenn Menschen öffentlich beleidigt werden oder wenn die Würde eines anderen zum Gegenstand eines vermeintlichen Scherzes wird, dann stellt sich die Frage, ob wir das einfach geschehen lassen wollen.

Ich musste dabei auch an meinen letzten Beitrag über Manuel Neuer denken. Natürlich darf man als Schalker enttäuscht sein, dass er den Verein verlassen hat. Aber wenn seine Mutter zur Zielscheibe einer Beleidigung wird, ist für mich eine Grenze erreicht. Und diese Grenze wird nicht dadurch weniger wichtig, dass Tausende Menschen gemeinsam eine solche Beleidigung rufen.

Zivilcourage beginnt für mich häufig in viel kleineren Situationen als bei den großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, über die wir täglich lesen. Am Stammtisch, im Verein, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Dort, wo man eine abwertende Bemerkung nicht einfach stehen lässt. Wo man widerspricht, obwohl man weiß, dass das Gespräch anschließend möglicherweise weniger gemütlich wird.

Dabei sollte man sich auch selbst nicht überschätzen. Ich würde jedenfalls nicht behaupten wollen, dass ich in meinem Leben immer dann widersprochen habe, wenn es notwendig gewesen wäre. Vermutlich kennt jeder Situationen, in denen ihm erst hinterher die passende Antwort eingefallen ist oder in denen es einfacher war, den Mund zu halten.

Gerade deshalb finde ich Mansours Gedanken wichtig. Demokratie ist nicht allein eine Angelegenheit von Parlamenten, Parteien und Wahlen. Sie ist darauf angewiesen, dass Menschen ihre Grundüberzeugungen auch im Alltag ernst nehmen. Wer Menschenwürde, Freiheit und Respekt für wichtig hält, muss sich gelegentlich fragen, was er selbst dazu beiträgt, dass diese Werte nicht nur auf dem Papier stehen.

Und vielleicht sollten wir dabei weniger darüber reden, warum andere Menschen nicht mutiger sind, sondern uns selbst eine einfache Frage stellen: Wann habe ich zuletzt widersprochen, obwohl es für mich bequemer gewesen wäre zu schweigen?

Leitplanke der Woche

Haltung zeigt sich nicht daran, wie deutlich wir unter Gleichgesinnten reden. Sie zeigt sich dort, wo wir auch dann für unsere Überzeugungen einstehen, wenn wir mit Widerspruch rechnen müssen.