Ein Interview ist kein Wunschkonzert

Ich habe als Journalist viele Interviews geführt. Darunter waren Gespräche über ausgesprochen heikle Themen, bei denen jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wurde. Mir war dabei immer wichtig, meinem Gesprächspartner gerecht zu werden. Ein Interview ist schließlich kein Wortprotokoll. Antworten werden gekürzt, sprachlich geglättet und manchmal auch neu geordnet. Entscheidend ist, dass dabei die Aussage erhalten bleibt. Wer aus einer differenzierten Antwort durch geschicktes Kürzen eine zugespitzte Behauptung macht, die der Gesprächspartner so nie vertreten hat, arbeitet nicht sauber.

Heute kenne ich auch die andere Seite. Als Politikberater habe ich mit der Freigabe von Interviews zu tun. Meine Maßstäbe haben sich dadurch nicht verändert. Ich würde niemals versuchen, einem Journalisten nachträglich seine Fragen vorzuschreiben oder eine unbequeme politische Aussage aus einem Interview zu entfernen, nur weil sie dem Gesprächspartner bei nochmaliger Betrachtung nicht mehr gefällt. Korrigiert werden muss, wenn ein Sachverhalt falsch wiedergegeben wurde, eine Formulierung den ursprünglichen Sinn verändert oder ein tatsächlicher Fehler vorliegt. Dafür ist die Autorisierung da. Nicht für die nachträgliche Optimierung politischer Botschaften.

Deshalb hat mich der Fall Elif Eralp beschäftigt. Die Berliner Linken-Politikerin, die Regierende Bürgermeisterin werden möchte, hatte dem Spiegel ein Interview gegeben. Bei der anschließenden Autorisierung ließ sie nach den Berichten eine Frage zu einem umstrittenen Aktivisten und ihre bereits gegebene Antwort streichen. Durch ein Versehen gelangten zugleich interne Anmerkungen an die Redaktion, aus denen erhebliche Sorgen um die Sicherheit ihrer Familie hervorgingen. Der Spiegel entschied sich, darüber zu berichten.

Ich sehe darin zwei unterschiedliche Fragen, die man nicht vermischen sollte.

Die erste betrifft den Umgang mit Interviews. Wer eine Frage verstanden und eindeutig beantwortet hat, kann nicht selbstverständlich verlangen, dass die Aussage hinterher aus der Welt geschafft wird. Natürlich darf ein Gesprächspartner seine Meinung ändern. Er darf eine Antwort präzisieren und auch erklären, dass er eine frühere Einschätzung nicht mehr teilt. Aber das ist etwas anderes, als die ursprüngliche Aussage ungeschehen machen zu wollen.

Wenn wir die Autorisierung so weit ausdehnen, wird aus einem journalistischen Interview irgendwann eine gemeinsam produzierte Pressemitteilung. Das kann niemand wollen, der unabhängigen Journalismus ernst nimmt.

Die zweite Frage ist schwieriger. Durfte der Spiegel die internen Anmerkungen veröffentlichen, die offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren?

Hier reicht mir der Hinweis auf einen Fehler beim Versenden der Datei nicht aus. Nur weil eine Redaktion etwas erfährt, muss sie es nicht automatisch veröffentlichen. Journalistische Ethik verlangt eine Abwägung zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und den berechtigten Schutzinteressen der Betroffenen. Dazu gehört selbstverständlich auch die persönliche Sicherheit einer Politikerin und ihrer Familie.

Allerdings hat diese Abwägung im konkreten Fall eine besondere politische Dimension.

Elif Eralp möchte die Regierung einer Millionenstadt führen. Zu ihren Aufgaben würde es gehören, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten und dem islamistischen Extremismus ebenso entgegenzutreten wie der organisierten Kriminalität. Gleichzeitig fordert die Berliner Linke in ihrem Wahlprogramm eine Verkleinerung der Polizei, die Einschränkung polizeilicher Befugnisse und die Auflösung des Verfassungsschutzes als Geheimdienst.

Diese Positionen darf eine demokratische Partei vertreten. Sie muss dann allerdings erklären können, wie sie unter diesen Voraussetzungen die Sicherheit der Menschen gewährleisten will.

Wenn nun ausgerechnet eine Politikerin, die diese Verantwortung übernehmen möchte, erhebliche persönliche Sorgen vor möglichen Reaktionen aus einem extremistischen Umfeld äußert, entsteht ein öffentliches Informationsinteresse. Nicht weil Angst etwas Ehrenrühriges wäre. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, seine Familie schützen zu wollen. Sondern weil sich die Frage stellt, welche Konsequenzen die Politikerin aus solchen Erfahrungen für ihre sicherheitspolitischen Vorstellungen zieht.

Eralp hat nach der Veröffentlichung erklärt, dass sie konsequent gegen Gewalt, Terror und organisierte Kriminalität vorgehen wolle. Das gehört selbstverständlich zu einer fairen Darstellung des Vorgangs.

Ob der Spiegel sämtliche Einzelheiten der internen Anmerkungen veröffentlichen musste, um den politischen Widerspruch sichtbar zu machen, bleibt für mich eine berechtigte Frage. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass Eralp nach eigenen Angaben bereits Bedrohungen erlebt hat und sich bei der Frage konkreter Namensnennungen auf Empfehlungen von Sicherheitsbehörden beruft. Gerade deshalb ist eine sorgfältige journalistische Abwägung erforderlich.

Aber das öffentliche Interesse lässt sich auch nicht mit dem pauschalen Hinweis auf die Vertraulichkeit interner Notizen beiseiteschieben.

Für mich führt dieser Fall zurück zu einer Frage, die mich in meiner journalistischen und politischen Arbeit seit vielen Jahren begleitet: Was bedeutet Haltung, wenn es unbequem wird?

Journalistische Haltung verlangt, dass ich meinem Gesprächspartner gerecht werde. Auch dann, wenn ich seine politischen Überzeugungen nicht teile. Sie verlangt, dass ich mit vertraulichen Informationen verantwortungsvoll umgehe und nicht alles veröffentliche, was sich möglicherweise für eine spektakuläre Schlagzeile eignet.

Politische Haltung verlangt umgekehrt, dass ich zu meinen Aussagen stehe und mich den Fragen stelle, die sich aus meinen politischen Forderungen ergeben. Wer öffentliche Verantwortung übernehmen will, kann nicht erwarten, dass Journalisten ihm jede unangenehme Auseinandersetzung ersparen.

Die Christliche Soziallehre gibt mir dafür einen wichtigen Maßstab. Im Mittelpunkt steht die Würde des Menschen. Sie gilt für die Politikerin, deren Sicherheit geschützt werden muss. Sie gilt für den Journalisten, der seine Arbeit unabhängig und gewissenhaft ausüben können soll. Und sie gilt für die Bürger, die Anspruch darauf haben, über die politischen Vorstellungen und Entscheidungen ihrer möglichen Regierungschefin informiert zu werden.

Diese Interessen stehen nicht immer spannungsfrei nebeneinander. Gerade deshalb braucht es verantwortungsvolle Entscheidungen statt einfacher Reflexe.

Ich wünsche mir einen Journalismus, der unabhängig bleibt und sich nicht zum verlängerten Arm politischer Pressestellen machen lässt. Aber ich wünsche mir ebenso Journalisten, die ihre Verantwortung gegenüber den Menschen ernst nehmen, über die sie berichten.

Und ich wünsche mir Politiker, die eine Interviewfreigabe nicht mit der Möglichkeit verwechseln, ihre eigene Vergangenheit nachträglich umzuschreiben.

Leitplanke der Woche

Journalistische Unabhängigkeit verlangt den Mut zur Veröffentlichung. Journalistische Verantwortung verlangt, vorher über deren Folgen nachzudenken.