Protest braucht keine Gewalt

Am 31. Oktober wollen junge Menschen in zahlreichen deutschen Städten auf die Straße gehen. Sie wollen gegen politische Entscheidungen protestieren, bessere Bildung einfordern, über steigende Lebenshaltungskosten sprechen und ihren Unmut über die Wehrpflicht zum Ausdruck bringen. Das ist ihr gutes Recht. Mehr noch: Ich finde es grundsätzlich erfreulich, wenn junge Menschen sich für Politik interessieren, ihre Interessen artikulieren und bereit sind, dafür öffentlich einzutreten. Eine Demokratie lebt davon, dass Menschen ihre Stimme erheben. Sie lebt nicht davon, dass alle mit den Entscheidungen der Regierenden einverstanden sind.

Trotzdem bereitet mir der angekündigte Protesttag Sorgen. Und das hat zunächst einmal mit dem Datum zu tun. Ausgerechnet Halloween, der 31. Oktober, soll zum bundesweiten Demonstrationstag werden. Ein Tag, an dem Verkleidungen und Masken selbstverständlich sind, an dem ausgelassen gefeiert wird und an dem mancher die Grenzen zwischen harmlosem Schabernack und handfester Sachbeschädigung nicht mehr so genau nimmt. Natürlich ist nicht jeder, der an Halloween eine Maske trägt, ein potenzieller Gewalttäter. Aber wer politische Demonstrationen organisiert, sollte sich schon fragen, welche Rahmenbedingungen er für einen friedlichen Protest schafft.

Hinzu kommt der Blick nach Frankreich. Dort haben sich in den vergangenen Wochen Proteste entwickelt, bei denen es neben friedlichen Demonstrationen auch zu erheblichen Ausschreitungen gekommen ist. Wenn solche Bilder in Deutschland zum Vorbild erklärt werden, muss man genau unterscheiden: Ist die Entschlossenheit junger Menschen gemeint, ihre Interessen öffentlich zu vertreten? Oder wird auch die Eskalation billigend in Kauf genommen? Das ist keine nebensächliche Frage. Denn politische Sprache kann Erwartungen wecken, Stimmungen verstärken und Grenzen verschieben.

Die Organisatoren der angekündigten Demonstrationen in Deutschland haben sich ausdrücklich von Gewalt distanziert. Das ist wichtig und verdient Anerkennung. Es wäre deshalb falsch, den Teilnehmern schon vor der ersten Kundgebung gewalttätige Absichten zu unterstellen. Genauso falsch wäre es allerdings, die bestehenden Risiken einfach wegzureden. Wer Menschen zu einer Demonstration aufruft, übernimmt Verantwortung. Nicht für jede Handlung eines einzelnen Teilnehmers, wohl aber dafür, welche Haltung vermittelt wird und wie deutlich man sich gegen Gewalt und Einschüchterung stellt.

Mich beschäftigt an dieser Debatte vor allem eine grundsätzliche Frage: Wie gehen wir mit unseren Freiheitsrechten um?

Artikel 8 unseres Grundgesetzes schützt das Recht, sich friedlich und ohne Waffen zu versammeln. Das ist keine freundliche Erlaubnis des Staates, die er nach Belieben erteilen oder verweigern kann. Es ist ein Grundrecht. Es schützt gerade auch diejenigen, die lautstark widersprechen, die unbequem sind und deren politische Forderungen anderen nicht gefallen. In einer freiheitlichen Demokratie muss man es aushalten, dass Menschen auf die Straße gehen und Positionen vertreten, die man selbst für falsch hält.

Für mich hat dieses Recht einen unmittelbaren Bezug zum christlichen Menschenbild. Jeder Mensch besitzt eine unveräußerliche Würde. Er ist nicht bloß Empfänger staatlicher Entscheidungen, sondern eine eigenständige Persönlichkeit mit Überzeugungen, Interessen und dem Anspruch, gehört zu werden. Wer Menschen ernst nimmt, muss ihnen auch die Freiheit zugestehen, öffentlich Widerspruch zu erheben.

Aber die Menschenwürde gilt nicht nur für denjenigen, der demonstriert.

Sie gilt ebenso für den Polizisten, der eine Demonstration schützen muss. Für die Frau, die auf dem Heimweg durch eine aufgebrachte Menge gehen möchte. Für den Ladenbesitzer, der am nächsten Morgen nicht vor einer eingeschlagenen Schaufensterscheibe stehen will. Und für den Menschen, der eine völlig andere politische Meinung vertritt und trotzdem ohne Angst durch seine Stadt gehen können muss.

Hier liegt für mich die entscheidende Leitplanke: Freiheit und Verantwortung lassen sich nicht voneinander trennen.

Das Recht, seine Meinung öffentlich zu vertreten, gibt niemandem das Recht, andere einzuschüchtern, zu verletzen oder deren Eigentum zu zerstören. Ein Steinwurf wird nicht dadurch legitim, dass ihm eine politische Forderung vorausgeht. Eine brennende Mülltonne ist kein besonders eindrucksvolles Argument. Und wer einen Polizisten angreift, kämpft nicht für mehr Freiheit, sondern verletzt die Rechte eines anderen Menschen.

Dabei geht es nicht darum, friedliche Demonstranten für das Verhalten einzelner Gewalttäter verantwortlich zu machen. Gerade ihr Demonstrationsrecht muss geschützt werden, wenn andere versuchen, eine Kundgebung für ihre Zwecke zu missbrauchen. Der Staat hat hier eine doppelte Aufgabe: Er muss friedlichen Protest ermöglichen und zugleich Menschen vor Gewalt schützen. Beides gehört zum Rechtsstaat.

Die Christliche Soziallehre erinnert uns daran, dass der Mensch niemals nur als Einzelner betrachtet werden darf. Er lebt in Gemeinschaft mit anderen. Seine Freiheit ist deshalb keine Freiheit ohne Rücksicht. Sie steht in Beziehung zur Freiheit und zur Würde seiner Mitmenschen. Wer seine eigenen Rechte einfordert, muss auch bereit sein, die Rechte anderer zu achten.

Das klingt selbstverständlich. Aber gerade in aufgeheizten politischen Auseinandersetzungen scheint diese Selbstverständlichkeit manchmal verloren zu gehen. Dann wird aus berechtigter Empörung die Vorstellung, dass für die eigene Sache besondere Regeln gelten müssten. Wer sich moralisch im Recht fühlt, hält die Grenzen des Rechts womöglich irgendwann für ein lästiges Hindernis. Genau dort wird es gefährlich.

Ich wünsche den jungen Menschen, die am 31. Oktober demonstrieren wollen, dass sie mit ihren Anliegen gehört werden. Dass sie streiten, diskutieren, widersprechen und den Verantwortlichen in der Politik unbequeme Fragen stellen. Und dass sie anschließend friedlich nach Hause gehen können.

Vielleicht wäre es klüger gewesen, dafür einen anderen Tag als Halloween zu wählen. Aber entscheidend ist letztlich nicht das Datum. Entscheidend ist, ob alle Beteiligten verstanden haben, dass die Stärke einer demokratischen Protestbewegung nicht daran zu messen ist, wie viel Unruhe sie verursacht, sondern daran, ob sie ihre Forderungen mit Respekt vor der Freiheit anderer vertritt.

Leitplanke der Woche

Wer für seine eigenen Rechte auf die Straße geht, muss auch die Rechte der anderen achten. Sonst wird aus Freiheit Willkür.