Darf man sein Vaterland eigentlich lieben?

Gestern war Tag der Deutschen Einheit. Heute sind die Reden gehalten, die Feiern vorbei und wahrscheinlich auch schon wieder viele Deutschlandfahnen eingerollt.

Bei mir ist trotzdem etwas hängen geblieben. Ein Wort, das man heute nicht mehr besonders häufig hört: Vaterland.

Ich mag dieses Wort.

Und ich sage auch ganz unbefangen: Ich bin gerne Deutscher. Wenn bei einem offiziellen Anlass die Nationalhymne gespielt wird, singe ich mit. Und Schwarz-Rot-Gold löst bei mir kein Unbehagen aus.

Warum auch?

Ich bin Jahrgang 1961. Die deutsche Geschichte war für meine Generation immer präsent. In der Schule sowieso, später in vielen politischen Diskussionen und natürlich auch in meiner eigenen Beschäftigung mit Politik. Niemand muss mir erklären, was in diesem Land zwischen 1933 und 1945 geschehen ist und welche Verantwortung daraus erwächst.

Aber Deutschland ist eben mehr als diese zwölf furchtbaren Jahre.

Zu unserer Geschichte gehört das Hambacher Fest. Dazu gehören die Revolution von 1848 und die Paulskirche. Menschen haben damals für Freiheit, Bürgerrechte und ein geeintes Deutschland gekämpft. Und ihre Farben waren Schwarz-Rot-Gold.

Zu unserer Geschichte gehört auch der Herbst 1989. Ich war damals 28 Jahre alt und habe wie Millionen andere vor dem Fernseher erlebt, was sich in der DDR abspielte. Menschen gingen auf die Straße, obwohl niemand wissen konnte, wie der Staat reagieren würde. Ein knappes Jahr später war Deutschland wiedervereinigt.

Wer diese Bilder erlebt hat, für den ist der 3. Oktober vielleicht auch deshalb mehr als ein freier Tag.

Was mir allerdings bis heute etwas fremd geblieben ist, ist die demonstrative Distanz, die manche gegenüber allem zeigen, was mit Nation und Vaterland zu tun hat.

Besonders ausgeprägt findet man das in Teilen der politischen Linken. Die „Internationale“ wird dort gerne und mit kräftiger Stimme gesungen. Erklingt die deutsche Nationalhymne, bekommen manche den Mund nicht auf.

Das muss man dürfen. Wir leben schließlich in einem freien Land.

Ich muss es aber nicht verstehen.

Was ist so schlimm daran, sich zu seinem Land zu bekennen?

Ich lebe gerne hier. Ich schätze unser Grundgesetz. Ich schätze einen Rechtsstaat, in dem ich meine Meinung sagen darf, auch wenn sie der Regierung oder einer Mehrheit nicht gefällt. Ich schätze eine Demokratie, in der Regierungen gewählt und auch wieder abgewählt werden. Und ich weiß, dass all das keineswegs selbstverständlich ist.

Natürlich ärgere ich mich über vieles in diesem Land. Wer meine Texte gelegentlich liest, dürfte das bemerkt haben. Aber warum sollte Kritik das Gegenteil von Verbundenheit sein?

Bei Menschen, die uns etwas bedeuten, kämen wir doch auch nicht auf diese Idee.

Vielleicht ist das überhaupt mein Verständnis von Vaterlandsliebe: Ich muss mein Land nicht jeden Morgen großartig finden. Ich muss auch nicht behaupten, dass bei uns alles besser ist als anderswo. Aber es ist mein Land. Hier bin ich aufgewachsen. Hier habe ich meine Sprache, meine Geschichte, meine Familie und Freunde. Hier habe ich gearbeitet, gestritten, gewählt und mich eingemischt.

Das schafft Verbundenheit.

Und diese Verbundenheit richtet sich gegen niemanden.

Ich kann Deutschland mögen, ohne Frankreich weniger zu mögen. Ich kann mich heute in Franken zu Hause fühlen, ohne meine westfälischen Wurzeln zu verleugnen. Und ich kann Deutscher und überzeugter Europäer sein.

Deshalb ärgert es mich auch, wenn Schwarz-Rot-Gold beinahe automatisch in eine bestimmte politische Ecke gestellt wird.

Warum sollten wir ausgerechnet denen unsere Fahne überlassen, die aus Vaterlandsliebe Nationalismus machen wollen?

Schwarz-Rot-Gold ist auch Hambach. Schwarz-Rot-Gold ist 1848. Schwarz-Rot-Gold ist die Bundesrepublik. Und Schwarz-Rot-Gold war 1989 und 1990 auf den Straßen zu sehen, als Deutsche friedlich ihre Freiheit und ihre Einheit wollten.

Das sind meine Farben genauso wie die jedes anderen Deutschen.

Vielleicht brauchen wir deshalb wieder ein etwas entspannteres Verhältnis zu unserem Land. Eines, bei dem man die Nationalhymne mitsingen kann, ohne sich anschließend dafür erklären zu müssen. Eines, bei dem eine Deutschlandfahne zunächst einmal eine Deutschlandfahne ist. Und eines, bei dem Vaterlandsliebe nicht mit Nationalismus verwechselt wird.

Denn das eine braucht das andere überhaupt nicht.

Leitplanke der Woche

Ich muss andere Länder nicht kleiner machen, um mein eigenes Land lieben zu dürfen.

Ich lebe inzwischen seit einigen Jahren in Bayern. Meine westfälischen Wurzeln habe ich deshalb nicht verloren. Aber vielleicht gefällt mir gerade deshalb ein Satz von Franz Josef Strauß so gut, weil er unterschiedliche Zugehörigkeiten nicht gegeneinander ausspielt:

„Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft.“

Damit kann ich sehr gut leben.

Bild mit KI erstellt


Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar