Wer Verantwortung will, muss Freiheit lassen

Wer einmal Verantwortung in einem Verein oder Verband übernommen hat, kennt das Problem. Da finden sich Menschen zusammen, die etwas bewegen wollen. Sie organisieren Angebote für Kinder und Jugendliche, kümmern sich um ältere Menschen, betreiben Sport, pflegen Traditionen oder engagieren sich für ihre Mitmenschen. Sie investieren ihre Freizeit, bringen ihre Fähigkeiten ein und übernehmen Verantwortung, für die sie in aller Regel keinen Cent bekommen. Und irgendwann sitzen sie abends am Schreibtisch, weil wieder ein Formular ausgefüllt, ein Nachweis erbracht oder eine Vorschrift geprüft werden muss. Natürlich braucht auch das Ehrenamt Regeln. Aber ich frage mich schon seit Langem, ob wir es den Menschen, die sich für andere einsetzen, nicht unnötig schwer machen.

Der Bayerische Landtag hat sich mit dieser Frage jetzt ausführlich beschäftigt. Heute wurde der Abschlussbericht der Enquete-Kommission zum Bürokratieabbau vorgestellt. Unter dem Vorsitz des CSU-Landtagsabgeordneten Steffen Vogel haben sich Abgeordnete aller Fraktionen und externe Experten gut zwei Jahre lang damit beschäftigt, wie unser Staat einfacher, moderner und handlungsfähiger werden kann. Herausgekommen sind 193 Handlungsempfehlungen. Dass sich die Kommission dabei ausdrücklich auch mit dem Ehrenamt beschäftigt hat, halte ich für besonders wichtig. Denn dort zeigt sich häufig sehr unmittelbar, welche Folgen staatliche Regelungen für das Engagement der Menschen haben.

Steffen Vogel hat bei der Vorstellung des Berichts einen bemerkenswerten Grundsatz formuliert: „Vertrauen vor Kontrolle“. Ich finde, darin steckt mehr als ein verwaltungspolitischer Vorschlag. Es geht um die Frage, welches Verhältnis der Staat zu seinen Bürgern haben sollte. Traut er ihnen grundsätzlich zu, verantwortlich zu handeln, oder versucht er, möglichst jeden denkbaren Fehler durch eine weitere Vorschrift zu verhindern? Wer über viele Jahre in Verbänden gearbeitet hat, weiß, wie sehr eine Kultur des Misstrauens das Engagement belasten kann. Nicht weil Menschen grundsätzlich gegen Regeln wären. Sondern weil sie irgendwann den Eindruck gewinnen, dass die Einhaltung der Regeln wichtiger geworden ist als das, was sie eigentlich für andere leisten wollen.

Für mich führt diese Frage unmittelbar zu einem der zentralen Prinzipien der Christlichen Soziallehre: der Subsidiarität. Dahinter steht die Überzeugung, dass Aufgaben möglichst dort wahrgenommen werden sollen, wo Menschen sie aus eigener Kraft und Verantwortung erfüllen können. Was eine Familie, ein Verein, eine Gemeinde oder eine andere kleinere Gemeinschaft selbst leisten kann, sollte ihr nicht ohne Not von einer übergeordneten Ebene abgenommen werden. Das klingt zunächst nach einem einfachen Plädoyer für weniger Staat. Aber wer Subsidiarität darauf reduziert, übersieht einen wesentlichen Teil dieses Prinzips.

Subsidiarität setzt nämlich voraus, dass Menschen und Gemeinschaften überhaupt in der Lage sind, ihre Aufgaben zu erfüllen. Sie brauchen dafür eine stabile Grundlage. Verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen gehören ebenso dazu wie eine funktionierende öffentliche Infrastruktur und dort, wo die eigenen Kräfte nicht ausreichen, auch finanzielle oder organisatorische Unterstützung. Der Staat darf sich nicht einfach zurückziehen und anschließend darauf verweisen, dass nun die Bürger selbst verantwortlich seien. Seine Aufgabe besteht auch darin, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Eigenverantwortung tatsächlich möglich wird.

Gerade beim Ehrenamt ist diese Unterscheidung wichtig. Ich kenne aus meiner langjährigen Verbandsarbeit viele Menschen, die mit großer Selbstverständlichkeit Verantwortung übernehmen. Sie wollen nicht für jede Entscheidung um Erlaubnis bitten müssen. Aber sie erwarten zu Recht, dass sie sich auf die Rahmenbedingungen verlassen können. Wenn Fördermöglichkeiten ständig wechseln, Anforderungen unübersichtlich sind oder Ehrenamtliche bei jeder Entscheidung befürchten müssen, persönlich in die Haftung genommen zu werden, dann entsteht keine Freiheit zur Verantwortung. Dann entsteht Unsicherheit. Und Unsicherheit führt häufig dazu, dass Menschen lieber gar keine Verantwortung mehr übernehmen.

Natürlich gibt es gute Gründe für Kontrollen. Wer öffentliche Mittel erhält, muss über deren Verwendung Rechenschaft ablegen. Wer Veranstaltungen organisiert, muss Sicherheitsvorschriften beachten. Wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, trägt eine besondere Verantwortung. Ich würde deshalb auch nicht behaupten wollen, dass jede Vorschrift überflüssig sei. Entscheidend ist aber, ob der Aufwand in einem vernünftigen Verhältnis zum Zweck steht. Wenn ein kleiner Verein für eine überschaubare Förderung nahezu denselben Verwaltungsaufwand betreiben muss wie eine große Organisation, stimmt dieses Verhältnis nicht mehr.

Es geht dabei um mehr als die Zukunft einzelner Vereine. Unsere Gesellschaft lebt davon, dass Menschen bereit sind, Aufgaben zu übernehmen, die der Staat weder vollständig organisieren kann noch organisieren sollte. Das Ehrenamt schafft Begegnungen, ermöglicht Teilhabe und hält gerade in kleineren Gemeinden vieles zusammen. Wer einmal erlebt hat, wie selbstverständlich Menschen bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Sportverein, in einer sozialen Initiative oder in einem kirchlichen Verband füreinander einstehen, weiß, dass sich der Wert dieses Engagements kaum in einer Bilanz erfassen lässt. Es wäre deshalb kurzsichtig, die Debatte über Bürokratieabbau allein unter dem Gesichtspunkt der eingesparten Verwaltungskosten zu führen.

Ich finde es gut, dass Steffen Vogel und die Mitglieder der Enquete-Kommission diese Fragen aufgegriffen haben. Ein Bericht mit 193 Empfehlungen ist allerdings noch kein Bürokratieabbau. Entscheidend wird sein, was Landtag und Staatsregierung daraus machen. Dabei wird es auch darum gehen, gewohnte Verfahren zu hinterfragen und Verantwortung tatsächlich auf diejenigen zu übertragen, die vor Ort handeln. Das verlangt Mut. Denn jede Vereinfachung bedeutet auch, dass nicht mehr alles bis ins letzte Detail kontrolliert werden kann.

Vielleicht sollten wir uns deshalb bei jeder neuen Vorschrift häufiger fragen, ob sie wirklich notwendig ist und wem sie am Ende hilft. Wir brauchen einen Staat, der verlässlich ist, seine Verantwortung wahrnimmt und dort unterstützt, wo Hilfe erforderlich ist. Aber wir brauchen ebenso einen Staat, der Menschen etwas zutraut. Gerade das Ehrenamt lebt davon, dass Menschen aus eigener Überzeugung handeln und selbst gestalten können.

Für mich ist das der eigentliche Maßstab einer subsidiären Ordnung. Sie schafft die Voraussetzungen für eigenverantwortliches Handeln und lässt den Menschen anschließend den Raum, diese Verantwortung auch wahrzunehmen. Wenn uns das gelingt, haben wir weit mehr erreicht als die Abschaffung einiger Formulare.

Leitplanke der Woche

Subsidiarität braucht beides: eine verlässliche Grundlage, die Verantwortung ermöglicht, und die Freiheit, sie selbst wahrzunehmen.


Weiterführende Informationen: Abschlussbericht und Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission des Bayerischen Landtags sowie der Bericht des Landtags über die Vorstellung der Ergebnisse am 15. Oktober 2026.


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